Geruchswahrnehmen rufen in uns unmittelbar Emotionen hervor und können Stimmungen und Erinnerungen von längst vergangenen Erlebnissen wecken. Sie beeinflussen dadurch indirekt Genesungsprozesse, unsere Leistungsfähigkeit und zwischenmenschliche Beziehungen. Ein Bewusstsein für die Bedeutung und Wirkung von Gerüchen für unser subjektives Wohlbefinden und das Wohlbefinden unserer Mitmenschen, eröffnet Gestaltungsräume um unser Wohlbefinden zu beeinflussen.
In unserem Alltag gibt es drei grosse Geruchsräume, die wir fortlaufend hinsichtlich ihrer Qualität überprüfen und managene. Dies sind a) unser eigener Körper, b) unser persönliches und umittelbares Umfeld und c) den öffentlichen Raum, in dem wir uns bewegen.
Die bewusste Wahrnehmung eines Geruchs ist das Resultat eines komplexen olfaktorischen Systems in unserer Nase und unserem Gehirn. Gerüche können aus hunderten von Geruchsmolekülen bestehen, die sich an Geruchsrezeptoren in unserer Nase binden und damit Neuronen aktivieren, die einen Nervenimpuls zum Riechkolben in der olfaktorischen Hirnrinde erzeugen. In diesem Teil des Gehirns wird die Art, Qualität und Vertrautheit von Gerüchen bestimmt.
Auch wenn sich Geruchswahrnehmungen oft nur schwer in Worte fassen lassen, ist ihre Wirkung auf unsere Emotionen, unser Verhalten und unsere Motivation einzigartig: Geruchsinformationen gelangen direkt in das limbische System, das eine grosse Rolle bei der Bildung unserer Emotionen, Stimmungen und Erinnerungen spielt, bevor der Sinnesreiz überhaupt kognitiv analysiert wird. Es ist deswegen einfacher zu sagen ob man etwas gerne riecht oder nicht, als zu beschreiben, nach was es genau es riecht.
Wie die anderen Sinne auch, kann der Geruchssinn mit zunehmendem Alter oder durch eine Erkrankung nachlassen, ganz verschwinden oder sich verschieben. Im Gegensatz zum Seh- oder Hörsinn, deren Schwächen mit Hilfsmittel wie Brillen und Hörgeräten kompensiert werden können, gibte es bislang keine Hilfsmittel, um den Geruchssinn zu unterstützen. Er bleibt daher ein empfindlicher Sinn, der aber in gewissen Fällen durch bewusstes Riechen trainiert werden kann.
Beim Geruchssinn handelt es sich um den ältesten Sinn. Die ersten Lebewesen, die unseren Planeten bewohnten, orientierten sich mit dem Geruchssinn in ihrer Umgebung. Auch heute noch hilft der Geruchssinn den Menschen sich im Alltag zu orientierten. Zum einen schützt uns der Geruchssinn vor potenziellen Gefahren wie Feuer und verdorbenen Lebensmitteln, zum anderen ist der Geruchssinn auch für die Partnerwahl von Bedeutung.
Gerüche sind auch identitätsstiftend. Orten, Menschen, Jahreszeiten etc. ordnenen wir bestimmte Gerüche zu, prägen sie uns so ein und erkennen sie wieder.
Für unser Wohlbefinden spielen Gerüche im alltäglichen Leben eine zentrale Rolle. Durch die direkte Verbindung von Geruchsreizen zur Hirnregion, in der Emotionen und Erinnerungen verarbeitet werden, wirken sie unmittelbar auf unser emotionales Empfinden. Sie können damit indirekt Genesungsprozesse fördern und unserr Kreativität und Leistungsfähigkeit beeinflussen.
(( Psychologische und physiologische Wirkung ?))
Eine Eigenschaft des Geruchssinnes ist, dass er mit Lernen, Emotionen und Erinnerungen verbunden ist. Emotionale Ereignisse und Erfahrungen werden auch mit dem im Moment wahrgenommen Geruch abgespeichert. Diese Geruchserinnerungen sind individuell und persönlich. Dadurch können Geruchswahrnehmungen in uns Emotionen und Stimmungen hervorrufen, die lange zurückliegen, im guten wie im schlechten. Der Geruch von frisch geschnittenem Gras kann die Person a) positive Erinnerungen aus der Kindheit auf Fussballplatz wecken, und bei der Person b) unangenehme Erinnerung von der mühseligen Arbeit beim Grasmähen auf dem Feld der Bauernfamilie. Dieses Phänomen, dass über Gerüche Emotionen und Stimmungen aus zurückliegenden Ereignissen hervorgerufen werden, hat der Schriftsteller Marcel Proust beschrieben. Daher nenn man es auch das Proust-Phänomen.
Bewusste Geruchswahrnehmungen werden nicht einfach neutral und wertefrei wahrgenommen. Der Mensch überprüft und beurteilt den Körper, das private Wohnumfeld und die öffentlichen Räume in denen er sich bewegt fortlaufend hinsichtlich der olfaktorischen Qualität. Der Geruchslast, d.h. wie stark, prägnant einen Geruch ist, ob es sich um einen Lilie Blumenstrauss, die Ammoniak ähnliche Geruch von Urin oder der Mief von Mülltonne handelt, kann zum Kopfschmerzen, unwohl Gefühl oder auch Reizbarkeit führen.
Sie verleiht den Lebensmitteln in Kombination mit dem Geschmackssinn ihre volle Geschmackspalette und ist somit ein wichtiger Akteur für unser tägliches Wohlbefinden. Die wiederkehrenden Geruchsverluste während der Pandemie haben deutlich gezeigt, wie stark die Stimmung und das Wohlbefinden bei einer vorübergehenden Anosmie (Verlust des Geruchssinns) beeinträchtigt werden. Diese Anosmie kann wiederum einen Einfluss auf unserem Gesundheitszustand haben und ist oft mit Appetitlosigkeit und Depressionen verbunden.
Gerüche in Pflegeeinrichtungen eröffnen somit Interpretationsräume. Wenn die Flure punktuell stark riechen, weil gerade schmutzige Bettwäsche herausgeholt wurde oder ein Bewohner:innen krank war, können die Mitarbeiter diesen störenden Geruch als punktuell oder anormal betrachten, indem sie sich eine allgemeine Vorstellung von der Geruchsumgebung in der Einrichtung machen (im Allgemeinen riecht es nach nichts), während Besucher:innen vielleicht sehr abgestoßen sind und diesen Geruch mit der Einrichtung als Ganzes in Verbindung bringen (es riecht überall und immer schlecht). Dadurch entsteht ein verzerrtes und stigmatisierendes Bild (mangelnde Hygiene, Misshandlungen usw.), das für alle Beteiligten schädlich sein kann. Daher ist es wichtig, alle Akteure, die mit Pflegeeinrichtungen in Verbindung stehen, zu sensibilisieren.
Sie beeinflussen unsere Emotionen und unsere Handlungen im Tagesablauf, wir agieren und reagieren in Interaktion mit Geruchswahrnehmungen. Sie werden zu Hemmschwellen um gewisse Räume zu betreten, sie beeinflussen die Konzentration von Mitarbeitenden wenn sie als Störeinflüsse auftauchen, die Geruchsatmosphäre trägt wesentlich zur Repräsentation der Einrichtung für interessierte Bewohnende und Angehörige bei.
In neueren Gebäuden erinnert kaum noch etwas daran, dass man sich in einer Pflegeeinrichtung befindet. Auch auf der geruchssinnlichen Ebene nicht. (Foto: Vorname Nachname)
Die geruchssinnliche Dimension ist in Anbetracht ihres unmittelbaren Einflusses auf unsere Emotionen ein vernachlässigtes Thema. Doch gerade an Orten wie Pflegeeinrichtungen, wo viele Menschen zusammenleben, wohnen und arbeiten, bilden sich vielfältige sich überlagernde Geruchseinflüsse. Besonders in in Pflegesituationen ist das Thema tagtäglich präsent und beschäftigt die Menschen im Guten wie im Schlechten.
Neue Wohn- und Lebensformen bei Pflegebedarft sind sich rasant am entwickeln. Gleichzeitig entwickeln sich Technologien und Materialien für den Bau und die Gebäudetechnik weiter. Erfreulicherrweise gibt es in der Schweiz zahlreiche vorbildliche Neu- und Umbauten von hoher architektonischer, materieller und gebäudetechnischer Qualität. In einem Gespräch mit einem auf Alters- und Pflegeeinrichtung spezialisiertes Archtiekturbüro, meinte der Leiter, dass Neu- und Umbauten heute vermehrt als Wettbewerbe ausgeschrieben werden, wodurch auch die Qualität der Entwürfe gestiegen sei. Dier miefige undefinierbare Geruch, dem man in Pflegeeinrichtungen älteren baudatums noch begegnete, gehört in neuen Gebäuden der Vergangenheit hat. Durch neue Gebäudetechnik, hochwertige Materialien, eine durchdache Raumkonfiguration und ein gutes Reinigungs- und Pflegekonzept können unerwünschte Ausbreitung von unangenehmen Gerüchen auch ein Minimum reduziert werden.
Nichts destotrotz gehören Körpergerüche an Orten wo gepflegt wird zum Alltag dazu. Besonders auf Abteilungen für Menschen mit einer Demenz, wo z.B. nur gelüftet werden darf, wenn sich keine Person in einem Raum befindet, ist und bleibt der Umgang mit Thema Geruch für alle Anspruchsgruppen herausfordernd, um eine Atomsphäre und Raumwirkung zu schaffen, die sich positiv auf das Wohlbefinden der Menschen auswirkt.